Warum liegt Amazon vor eBay – Erklärungsversuche

Letzte Woche haben sowohl eBay als auch Amazon ihre Quartalsberichte vorgelegt, mit einem für eBay schlechteren Ergebnis als für Amazon: eBays Zahlen waren rückläufig, wohingegen Amazon das Feld von unten aufrollt. Auf der Seite von Tamebay hat Leser Mark T. die Frage gestellt – warum? Sue Bailey von Tamebay versucht dieses „warum“ von Mark T. zu beantworten und erklärt: Einkaufen auf dem Online-Marktplatz eBay ist viel zu kompliziert. eBay ist auch die einzige Seite im Internet, wo man getadelt werden kann, wenn man seine Meinung ändern will.

Kaufe ich bei Amazon kann ich einen Artikel in meinem Einkaufskorb legen und ihn wieder herausnehmen (auch noch auf dem halben Weg zur Kasse). Ich kann den Weg zur Kasse nehmen, hier fällt mit ein, dass ich etwas vergessen habe, um dann wieder zum Einkaufen zurückzugehen. Ich kann mich an der Kasse entscheiden, dass ich den in den Warenkorb gelegten Artikel doch nicht möchte und mit einem Klick ist er entfernt. Danach suche ich etwas anderes aus. Selbst wenn ich bereits bezahlt habe, kann ich, solange die Bestellung noch nicht abgeschickt ist, meine Meinung ändern. Nichts von all dem kann ich auf eBay tun.

eBay sollte sich dem 21. Jahrhundert anschließen, und einen Einkaufswagen und einen „Annullierung vor der Absendung“-Prozess einführen, bevor alle Käufer den Online-Marktplatz aus Frustration verlassen und sonstwohin gehen, wo es leichter ist einzukaufen. Jedesmal wenn ich vorschlage, eBay sollte den Einkaufswagen einführen (und das tue ich oft!), erklärt mir ein Händler, dass es bei eBay nicht funktionieren würde. Die Käufer würden die Sachen im Wagen liegen lassen, was zur Folge hätte, dass diese Artikel „gesperrt“ wären für andere Kaufinteressenten. Komischerweise jedoch klappt das System bei Amazon: Der Artikel gehört erst dann dem Käufer, wenn er ihn bezahlt hat und davor kann ein anderer Kunde durchaus noch dem Anwärter die Ware vor der Nase (aus dem Einkaufswagen) wegschnappen. Dadurch bekommt der Käufer einen noch größeren Anreiz, den Artikel so schnell wie möglich dingfest zu machen. Eher als bei eBay, wo man den Sofort-Kauf-Artikel auf die „Watchlist“ setzt und ihn dann im Zweifel vergisst. Wenn es für die Konsumenten leichter wäre auf eBay einzukaufen, würden sie es auch vermehrt tun. Natürlich würde ein Einkaufswagen eine andere Änderung beim eBay-System unabdingbar machen: Die sofortige Bezahlung bei Mehrfach-Artikeln. Es ist doch lächerlich, dass viele Händler Tage und manchmal Wochen auf unbezahlten Bestellungen sitzenbleiben.

Die „einfacher einkaufen = mehr einkaufen“-Regel ist auch auf Stornierungen der Bestellung anzuwenden. Käufer – ob wir es mögen oder nicht – haben ein gesetzliches Recht, ihre Meinungen zu ändern. Das momentane System sollte auf jeden Fall ersetzt werden: „Annullierung vor der Absendung“ hieße in meinen Augen der neue Prozess: bis zu dem Moment, in dem der Verkäufer den Artikel als verschickt gekennzeichnet hat, sollte der Käufer die Chance haben seinen Einkauf zu streichen. Die PayPal Zahlung wird zurückerstattet, die eBay Gebühren (und zwar alle) werden vergütet, und der Artikel wird automatisch „ins Lager“ zurückgesandt, um in wieder neu anzubieten zu können. Zum anderen hat der Käufer nach einer festgesetzten Zeit (könnte unter Umständen vom Verkäufer determiniert werden) nicht bezahlt, darf der Händler den Verkauf stornieren und bekommt dann ebenfalls seine Gebühren zurück. Alles ohne Streitereien, ohne negative Feedbacks.

Für beide Fälle gilt dann: Es hat keine Transaktion stattgefunden. eBay wird zweifellos beunruhigt sein, dass einige Verkäufer solch ein System missbrauchen würden, um Gebühren zu vermeiden. Allerdings, meiner bescheidenen Meinung nach wird eBay von dem Gedanken der Gebühren-Umgehung so besessen sein, dass sie Mittel und Wege finden zu erkennen, welche Verkäufer das System möglicherweise missbrauchen, und gegen sie Schritte einleiten. Wir Händler aber werden uns wohlfühlen und endlich das Gefühl loswerden, dass wir im Kindergarten sind, wo wir uns kindischer Bürokratie unterwerfen müssen.

John Donahoe erklärte uns allen letzte Woche, dass jedes Format (Kleinanzeigen, Sofort-Kauf) im ersten Quartal einen Aufschwung erlebt hat – außer den Auktionen, die sind um 20% gefallen. Was tut eBay, auch in Hinsicht auf den Konkurrenzkampf mit Amazon? Händler werden ermutigt ihre Waren in Auktionen einzustellen. Auf eBay.com liegen die Einstellgebühren für Auktionen bei 15c; Sofort-Kauf-Artikel werden mit 35c berechnet. Auf eBay UK, zahlen Privatverkäufer bei Auktionen mit einem Startpreis von 99 c oder weniger keine Einstellgebühr, Sofort-Kauf kostet 40p je Artikel, wenn man keinen eigenen Shop hat. eBay.fr berechnet Auktionen mit 15c und der Grundpreis für Sofort-Käufe ist 50c.

eBay Deutschland mit seiner überaus komplizierten Gebühren-Struktur bevorzugt größtenteils ebenso die Auktionen. Über alle eBay-Seiten hinweg werden Verkäufer dazu angehalten, ihre Artikel als Auktionen einzustellen. Aber der Reiz der Online-Versteigerungen hat insgesamt nachgelassen, mit Ausnahmen von vielleicht ein paar speziellen Bereichen. Käufer haben keine Lust (und keine Zeit) mehr sich vor ihren Computer zu setzen und zu schauen, ob sie vielleicht nach einer Woche die Auktion gewonnen haben – sie wollen einfach einkaufen und das sofort – das beweisen ja auch eBays eigene Zahlen (Sofort-Kauf plus 12%).

„Was eBay am besten tut“ ist eine Redewendung von eBay-Verantwortlichen, die häufig genutzt wird um Argumente zu untermauern: Meg Whitman sagte, dass es Versteigerungen waren, die „eBay am besten taten“. John Donahoe scheint zu denken, dass es das Anbieten von Liquidationswaren ist, was eBay am besten tut. Mit beidem stimme ich nicht überein. Was eBay immer noch immer am besten getan hat, war einen Marktplatz zur Verfügung zu stellen für jedermann und für alles. Amazon, Ebid, Bonanzle, Dutzende von Start-Up und alls „Möchtegerne“: Keiner von ihnen kommt in die Nähe von eBays breitgefächertem Warenbestand, der riesengroßen Auswahl an Händlern – von der verkaufenden Mutter bis zu größeren Anbietern – nichts kommt tatsächlich in der Nähe von eBay.

eBay sollte aufhören, eine Versteigerungs-Webseite zu sein und sich als Einkaufs-Webseite neu positionieren. Händler sollten dazu ermutigt werden (finanziell) in den Formaten Waren einzustellen, die wirklich funktionieren: Den Festpreis-Formaten. eBay sollte die Käufer davon überzeugen, an eBay als die Seite zu denken, auf der man alles einkaufen kann und zwar sofort. Sie sollten eBay nicht als Seite ansehen, wo man sein Wunschobjekt vielleicht nächste Woche „gewinnen“ kann, wenn man es bis dahin nicht schon längst bei Amazon gekauft hat. In Anbetracht der Zahlen, die John Donahoe letzte Woche bekanntgab, denke ich nicht, dass es viel Aufwand bedarf, eBay zu verändern. Nicht viel, außer, vielleicht, ein radikales Umdenken: Raus aus der Auktionsdenkweise rein in die Shopping-Denkweise. eBay scheint auf den richtigen Weg zu sein mit den Ansätzen zu einfacher gestalteten Retouren oder auch den Mehrfach-Variations-Einstellungen, dennoch es geht zu langsam. Jetzt müssen wir erst einmal wieder die September-Ankündigungen abwarten, und sehen, dass hier die radikalen Neuerungen mitgeteilt werden, die eBay wieder zu einem Shopping-Erlebnis machen.

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