Für Profitabilität muss Quick Commerce sich ändern

Der traditionelle Lebensmitteleinzelhandel arbeitet zunehmend daran, im Online-Geschäft Fuß zu fassen. Aus diesem Grund investieren diese zum Teil in Quick-Commerce-Startups, die eine Lieferung innerhalb weniger Minuten anbieten, wie etwa REWE bei Flink oder die französische Carrefour gruppe bei cajoo. Josefine Hänsel, Senior Director bei Alvarez & Marsal Deutschland und David Benichou, Managing Director, Alvarez & Marsal Frankreich, erklären den Hintergrund solcher Partnerschaften und wo Quick Commerce auf dem Weg zu einem profitablen Geschäft ansetzen muss.

Für Profitabilität muss Quick Commerce sich ändern. pixabay.com ©geralt (Creative Commons CC0)

Die traditionellen Handelsunternehmen möchten durch Investitionen in und Partnerschaften mit Quick-Commerce-Startups deren Vorteile für die eigene Position im E-Commerce nutzen. Das Mindset der Startups ermöglicht eine Agilität, die durch die klassischen Retailer nicht abbildbar ist und erlaubt Experimente sowie eine rasche Expansion. Innerhalb einer etablierten Konzernstruktur wäre eine ähnlich aggressive Expansion kaum möglich, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Quick Commerce nach wie vor nicht profitabel ist. Das rasche Wachstum benötigt viel Cash und ist für das Erste auf ausreichende Investitionen angewiesen.

Ist Profitabilität im Quick Commerce möglich?

Um mittel- und langfristig profitabel arbeiten zu können, muss Quick Commerce seine Strukturen an mehreren Stellen optimieren. Dafür bestehen mehrere Ansatzpunkte:

  • Größere Warenkörbe sind der wichtigste Faktor, auch wenn diese das Einhalten des Versprechens, innerhalb von etwa 15 Minuten zu liefern, erschweren.
  • Margenstärkere Produkte und Premiumprodukte erhöhen die Profitabilität einzelner Lieferungen und sollten deshalb einen ausreichend großen Teil des Sortiments ausmachen.
  • Eine Abkehr von der Maxime, Supermarktpreise 1:1 abbilden zu müssen, ist möglich. Der Service, nicht selbst einkaufen zu müssen und die bestellten Waren extrem zeitnah nach Hause geliefert zu bekommen, erlaubt als Ausgleich etwas höhere Preise. Diese können für Kunden weniger abschreckend wirken als deutlich höhere Liefergebühren. Dennoch sollten diese ebenfalls in den Fokus genommen werden: Das dynamische Anpassen der Liefergebühren entsprechend der Auslastung bestimmter Zeitfenster sowie die Berücksichtigung der Lieferentfernung sollten als Hebel zur Steigerung der Profitabilität in Betracht gezogen werden.
  • Die Auslastung einzelner Standorte zu optimieren ist ein weiterer Schlüsselfaktor – Da die Standortkosten kaum gesenkt werden können, ist ein „lernendes“ Demand Forecasting ein kritischer Erfolgsfaktor für die Optimierung der Personalplanung von „Pickern und Ridern“. Es gilt somit, nicht nur die Nachfragemuster bestmöglich vorherzusagen, sondern auch effiziente Prozesse bei Picking und Lieferung zu schaffen.

Quick Commerce sendet kontraproduktive Marketing-Botschaften

Mehreren dieser Punkte entgegengesetzt sind jedoch die Werbeversprechen, die Quick Commerce üblicherweise gibt. Diese sind vor allem auf eine sofortige Lieferung, kleine Warenkörbe mit wenigen Produkten und zum Teil auch günstige Preise ausgelegt. Zugunsten des Wachstums werden Kunden dadurch in eine Richtung geprägt, die der angestrebten Profitabilität im Wege steht.

Damit Quick Commerce jedoch langfristig profitabel werden kann, ist es notwendig, an den oben angesprochenen sowie an weiteren Hebeln wie etwa im Einkauf anzusetzen. Die Vielzahl der aktuellen Anbieter im Quick Commerce wird nicht nachhaltig überleben können, mittelfristig können wir daher eine Konsolidierung des Marktes erwarten. Wie das Beispiel von Dr. Oetker und Flaschenpost zeigt, ist es dabei durchaus möglich, dass traditionelle Lebensmittelhändler demnächst mit E-Commerce-Startups nicht nur kooperieren werden, sondern sie übernehmen könnten.

Alvarez & Marsal
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