Soziale Netzwerke kopieren das Erfolgsmodell von Podiumsdiskussionen

Podiumsdiskussionen boomen im Fernsehen. Einst fanden sie auch öffentlich statt, doch seit Corona sind sie mehr oder weniger zum TV-Event geworden, mit dem Vorteil, dass das ganze Land oder die ganze Welt zusehen kann, wie zwei oder mehr Parteien mit unterschiedlichen Vorstellungen ihren Standpunkt rechtfertigen und versuchen, ein Thema von allen Seiten zu erörtern. Das können entweder Diskussionen vor der nächsten Wahl sein, es können aber auch Podiumsdiskussionen sein, bei denen beispielsweise Mediziner versuchen, Corona-Maßnahmen zu verteidigen, während Maskengegner auf die Grundrechte der Freiheit appellieren usw.  Diese Podiumsdiskussionen sind beliebt, kann sich schließlich jeder selbst gedanklich einbringen und sich selbst eine Meinung bilden. Und dieses Schema haben nun auch die selbsternannten Sozialen Medien wie Facebook und Co für sich erkannt. Während man in einer ruhigen Stunde Casinospiele online genießt, fetzen sich andere in der Talk-App „Clubhouse“ um das eine oder andere Thema. Es kann ja jeder tun wie er will, aber diesem Erfolg sollte man durchaus Beachtung schenken. Außerdem kam dieser Erfolg nicht ganz erwartet.

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Clubhouse – erschreckend populär

Mit Clubhouse wurde eine App veröffentlicht, die genau das anbietet, was im Fernsehen auch angeboten wird und das hat das Interesse der Social Media geweckt. Denn die waren verblüfft ob des Erfolgs der App und fielen in eine Art Schockstarre, denn so einfach wie man dachte, war die Umsetzung eines solchen virtuellen Diskussionsraums wohl doch nicht. Und prompt legte man sich ins Zeug, denn schließlich möchte man diesen Zug nicht davonfahren sehen.

Aber warum diese Schockstarre? Weil mit so einem Erfolg nicht wirklich zu rechnen war. Deshalb lechzte man bei der größten Plattform der Welt danach, hier mit zu naschen. Das Problem seitens des Zuckerberg-Teams ist, dass ausgerechnet etwas derartig Träges wie Facebook so einen Dienst auf die Schnelle launchen soll. Denn Social Media sind nicht gerade dafür bekannt, ihr Angebot grundlegend innovativ zu revolutionieren. Sie sind auch nicht für den weltbesten Datenschutz bekannt. Dafür kennt man das Phänomen der Monopolisierung. Wenn man bedenkt, wieviel aktive Nutzer Facebook hat…

Und nun kommt Clubhouse ins Spiel – mit einem sehr alten Konzept. Einem, das man irgendwie schon totgeglaubt hatte. Doch weit gefehlt. Vielleicht ist es Corona zuzuschreiben, dass Podiumsdiskussionen wieder aufflammen. Mag sein. Aber nun ist es Fakt. Mittels Videokonferenz bekommen User nun Raum und Zeit, in der sie sich frei äußern und große Diskussionen anzetteln können. Fast möchte man meinen, der ehemalige US-Präsident hätte dies vorgelebt. Dabei bediente er sich „nur“ dem Kurznachrichtendienst und hielt keine virtuellen Podiumsdiskussionen ab, um über etwaige Konkurrenten und andere Machthaber zu poltern. Dass nun jedem einzelnen von uns genau diese Möglichkeit offen steht, ist irgendwie verwunderlich. Aber extrem erfolgreich. Rund 10 Millionen Nutzer pro Woche dürfte es diversen Meldungen zufolge geben. Und der Marktwert soll inzwischen bei rund 4 Mrd. USD liegen. Das sind Zahlen, über die man nicht hinwegsehen kann. Deshalb gibt es Bemühungen der Social Networks ähnliches anzubieten, um Kunden von der Abwanderung abzuhalten. Brisant ist außerdem, dass der Kurznachrichtendienst Twitter in Übernahmeverhandlungen mit Clubhouse gewesen sein soll. Das wäre für den Platzhirschen unter den Social Media natürlich der absolute Supergau.

Live Audio Rooms wurde aus dem Boden gestampft

Die Folge der Bemühungen seitens Facebook heißt nun Live Audio Rooms. Facebook veröffentlichte diesen Dienst erst vor kurzem. Und tatsächlich ist es ein Add-On für Facebook. Eines von vielen. Denn Facebook lässt nichts unversucht, mit allen möglichen Zusatzangeboten Nutzer ins Boot zu holen. Denn nur Nutzer bringen Facebook über Umwegen Geld. Denn welche Firma will bei Facebook Werbung platzieren, wenn keiner da ist, der sie sieht? Eben. Zuckerberg ist somit stets gefordert, seine gut und gern 2.5 Mrd. User bei Laune zu halten. Und deshalb gibt es jetzt eben auch Podiumsdiskussionen.

Aber nicht nur das. Es gibt eine Kooperation mit dem Musikstreaming-Führer Spotify, damit man künftig Podcasts direkt über die Facebook-App hören kann. Natürlich bekommt der User nur für ihn relevante Podcasts angeboten. Facebooks Lauschangriff auf Ihre Interessen sind die Basis für diese Daten. Soundbites heißt übrigens jener Dienst, mit dem man kurze Audiobeiträge auf der Site integrieren wird. Zufällig mehr oder weniger kopiert von der Konkurrenz. Generell stellt man fest, dass Facebook sehr gerne bei der Konkurrenz abkupfert. Und wenn das einmal nicht gelingt, wird diese übernommen, wie man 2014 am Beispiel von WhatsApp sehr gut vor Augen geführt bekommen hat.

Aber nicht jede kopierte Funktion ist auch erfolgreich. So ehrlich soll man sein. Snapchat ist Ihnen ein Begriff? Das ist jene Plattform, wo man Fotos / Videosequenzen mit einer Community teilen kann. Das kleine Detail daran: Diese Fotos haben ein Ablaufdatum und verschwinden von selbst wieder. Facebook versuchte auch, diese Funktion irgendwie für sich zu realisieren. Man dürfte wohl daran gescheitert sein – der Andrang dürfte sich in Grenzen gehalten haben. Diese Apps wurden wieder eingestampft. Erfolgreicher war aber die Stories-Funktion von Snapchat. Ein Nutzer teilt Fotos und Videos mit seinen Freunden und schreibt eine Geschichte dazu: Das fand Anklang und erwies sich als Volltreffer. Was von den Anstrengungen bleiben wird? Man wird sehen. Es heißt abwarten und Tee trinken.

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