Geoblocking, das Ende der Vertragsfreiheit: EU-Kommission will Verkaufszwang im Onlinehandel

Im Mai hat die Europäische Kommission im Rahmen ihrer Digitalen Binnenmarkt-Initiative den angekündigten Vorschlag einer Verordnung gegen das sogenannte „Geoblocking“ vorgelegt. Danach sollen Onlinehändler künftig zum grenzüberschreitenden Handel gezwungen werden. Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (bevh) lehnt diese Kampfansage an die Vertragsfreiheit in Europa strikt ab.

Unter dem Begriff des „Geoblocking“ und als vermeintlicher Schutz gegen Diskriminierung und unzulässige Lieferbeschränkungen sollen Onlinehändler künftig gezwungen werden, an Kunden aus allen EU-Mitgliedsländern zu verkaufen. Einzige Voraussetzung hierfür: der Kunde benennt eine Lieferadresse im Heimatland des Onlinehändlers.

Nach den Plänen der Kommission, die sowohl den Verkauf an Verbraucher als auch den reinen B2B-Handel betreffen würden, darf ein Onlinehändler künftig nicht mehr selbst entscheiden, in welche Länder er seine Produkte verkaufen will. Die Kommission schlägt damit nicht weniger als das Ende der Vertragsfreiheit vor, die in Deutschland als Ausfluss der allgemeinen Handlungsfreiheit aus Art. 2 Abs. 1 Grundgesetz verfassungsrechtlich geschützt ist. Gleichzeitig schafft der Entwurf der Kommission eine völlig unklare Situation, was die rechtliche und steuerliche Beurteilung der erzwungenen Verträge angeht.

Geoblocking: Das Ende der Vertragsfreiheit - EU-Kommission will Verkaufszwang im Onlinehandel Noch immer sind das Vertragsrecht und die Marktbedingungen in den EU-Mitgliedsstaaten so unterschiedlich, dass sich viele Händler bewusst entscheiden, nicht in alle EU-Mitgliedsstaaten zu verkaufen. Daran wird auch der Entwurf nichts ändern, denn Ausnahmeregelungen, durch die den Händlern bei diesen erzwungenen Verträgen zumindest die Sicherheit ihres Heimatrechts erhalten bliebe, sieht die Kommission nicht vor. Selbst Händler, die bislang nur im Inland verkaufen, müssten nach den Plänen der Kommission zukünftig damit rechnen, mit den Rechtsordnungen aller 27 Mitgliedstaaten konfrontiert zu werden. Abweichende AGB sollen für derartige „Zwangsverkäufe“ auch nicht zulässig sein, so dass dem Händler nicht einmal die Möglichkeit gegeben wird, eventuelle Rechtsverstöße durch Ausnahmeregelungen zu verhindern oder wirtschaftliche Risiken im grenzüberschreitenden Verkauf zu beschränken.

Der verordnete Verkaufszwang soll – mit Ausnahme von Kleinstunternehmen – für alle Online- und Versandhändler gelten: Für die vielen kleinen und mittelgroßen Händler könnten die wirtschaftlichen und rechtlichen Risiken aus diesen erzwungenen Verträgen existenzbedrohende Ausmaße annehmen.

„Der Verordnungsvorschlag der Kommission greift in einer noch nie dagewesenen Weise in die wirtschaftliche Entscheidungsfreiheit von Online- und Versandhändlern ein und ignoriert völlig die Unterschiede auf dem europäischen E-Commerce Markt.“, kritisiert bevh-Justiziarin Stephanie Schmidt.

Damit nicht genug: Technische Maßnahmen, durch die Onlinehändler einen Kunden gezielt auf einen eigenen Onlineshop leiten, der in das Heimatland des Kunden liefert und in dessen Sprache verfasst ist, sollen nur noch mit ausdrücklicher Zustimmung des Verbrauchers zulässig sein. Dies macht nicht nur den Einkauf für den Kunden beschwerlicher, sondern nimmt dem Händler gleichzeitig die Möglichkeit, dem Kunden nur solche Angebote zu unterbreiten, die den rechtlichen Anforderungen am Wohnsitz des Kunden entsprechen.

„Die Europäische Kommission zäumt hier das Pferd von hinten auf: Anstatt den grenzüberschreitenden Onlinehandel in Europa auf diese Weise erzwingen zu wollen sollte sie besser ihren Einsatz auf die Schaffung einheitlicher Marktbedingungen richten, wie z.B. über eine Harmonisierung der europäischen Umsatzsteuersätze.“,ergänzt Christoph Wenk-Fischer, Hauptgeschäftsführer des bevh.

Geoblocking, das Ende der Vertragsfreiheit: EU-Kommission will Verkaufszwang im Onlinehandel was last modified: by

Ähnliche Beiträge

B2B-Versender bleiben 2016 in unsicherem Umfeld auf Wachstumskurs Der B2B-Versandhandel zeigt sich mit seiner aktuellen Lage zufrieden: 55,0 Prozent der B2B-Versandhändler schätzen ihre Geschäftssituation als gut oder sehr gut ein. Im Vergleich zum Vorjahr 2014 entspricht dies einem Zuwachs von 6,6 Prozentpunkten (2014: 48,4 Prozent). Dieser Optimismus hat insbeso...
Aktuelle Zahlen zu Einkaufsvorlieben im Internet- und Versandhandel Wie schon in den vergangenen 4 Jahren veröffentlichen der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (bevh) und die Creditreform Boniversum GmbH (Boniversum) auch in diesem Herbst wieder aktuelle Zahlen zu Einkaufsvorlieben im Internet- und Versandhandel. Die Analyse gibt ausführlic...
Aktuelle Studie zu Einkaufspräferenzen der Deutschen Wie bereits in den vergangenen vier Jahren veröffentlichen der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (bevh) und die Creditreform Boniversum GmbH (Boniversum) auch in diesem Herbst wieder aktuelle Zahlen zu Einkaufspräferenzen im Online- und Versandhandel. Die Untersuchung gibt ...
Zweistelliges Wachstum in 2017 und weiterhin gute Perspektiven im E-Commerce Mit einem Plus von 10,9 Prozent auf 58,466 Mrd. Euro ist 2017 der Brutto-Umsatz mit Waren im E-Commerce - wie vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel e.V. (bevh) vorausgesagt - zweistellig gewachsen. Der reine E-Commerce Umsatz steht erstmals für jeden achten Euro im Einzelhandel. Dabei sind ...
bevh: Fachgemeinschaft „Marktplätze und Plattformen“ ins Leben gerufen Ende letzter Woche hat sich die Fachgemeinschaft Marktplätze und Plattformen im Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (bevh) konstituiert. Der Handel über Marktplätze und Plattformen im Internet erfährt zunehmend breitere Relevanz im Konsumverhalten der Verbraucher, bei gewerbl...
B2B-Vernetzungsplattform Mercateo Unite gestartet Mercateo hat seine neue B2B-Vernetzungsplattform Mercateo Unite vorgestellt. „Wenn eine elektronische Plattform es schafft, Geschäftspartner schnell und sicher zusammenzuführen und dabei sowohl Vielfalt und Innovationen als auch schlanke Arbeitsprozesse ermöglicht, leistet sie einen wichtigen Beitra...

Frank Weyermann
Betreiber der Seite onlinemarktplatz.de und und Inhaber von die-datenwerkstatt.de.

Beitrag teilen:


Kategorien: Alibaba, Etsy & Co., Onlinehandel allgemein

Schlagworte:, , , , ,