Gewerkschaften müssen umdenken

Ein lesenswerter Artikel über Gewerkschaften und den Streik bei Amazon ist bei heise.de/telepolis. Der Autor Ralf Heß meint, dass die Gewerkschaften versuchten sich auf ein liberalisiertes Umfeld einzustellen und zudem moderne Formen des Arbeitskampfes zu kreieren.

Gewerkschaften müssen umdenken

Gewerkschaften müssen umdenken

Die großen DGB-Gewerkschaften haben in den vergangenen Jahren immer mehr Mitglieder verloren. Ende 1998 waren es 8,8 Millionen Mitglieder. Ende 2013 sank die Zahl auf etwas mehr als 6 Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen. Trotzdem war das Jahr 2013 auch das Jahr, in dem der Rückwärtstrend zum ersten Mal wieder gestoppt wurde. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder stabilisierte sich wieder.

Für die traditionellen DGB-Gewerkschaften wurden in der Vergangenheit veränderte Arbeitsmarktbedingungen zum immer größer werdenden Problem. Der Einsatz von Leiharbeitern stieg an, der Dienstleistungssektor nahm zu und viele Unternehmen traten aus den Arbeitgeberverbänden aus. Die herkömmliche Herangehensweise, einen Arbeitskampf zu organisieren, funktionierte nicht mehr und für viele Arbeitnehmer wurde eine Mitgliedschaft daher immer wertloser.

Besonders im Dienstleistungssektor haben viele Firmen neue Taktiken entwickelt, um sich der Gewerkschaften zu entledigen. Markus Hoffmann-Achenbach, Gewerkschaftssekretär bei Verdi gegenüber Telepolis: „Sehr häufig versuchen die Unternehmen nicht einfach einen Betriebsrat zu verhindern, sondern vielmehr ihre eigenen Leute dort hinein zu bekommen.“

Auch Amazon hat generell kein Problem mit einem Betriebsrat. Es müssen aber die richtigen Leute im Betriebsrat sitzen. Gewerkschaftsmitglieder sind nicht gern gesehen. Dass bei Amazon gleichwohl gestreikt wird, hat vor allem mit der veränderten Struktur innerhalb der Mitarbeiterschaft zu tun: Das Gros der Amazon-Belegschaft hat gegenwärtig noch einen zeitlich befristeten Arbeitsvertrag. Das ist für eine Arbeitsniederlegung kein guter Ausgangspunkt. Denn streikt der Mitarbeiter, so stehen die Chancen auf einen festen Arbeitsvertrag schlecht.

Hoffmann-Achenbach sagt: „Von den neun Amazon-Standorten sind derzeit nur 2-3 streikfähig.“ An den restlichen Orten gebe es innerhalb der Belegschaft alles in allem noch etwa 40% Zeitverträge. Lediglich an den Streik-Standorten, sei der Großteil der Belegschaft entfristet beschäftigt.

Doch nicht nur die nun zum Teil auslaufenden Zeitverträge sind Ursache für die größere Streikfähigkeit bei Amazon. Auch die Gewerkschaften lernten aus ihren Fehlern. Sie versuchten lange über die Einrichtung eines von ihnen angeführten Betriebsrates Einfluss zu nehmen. Die Mitarbeiter selbst bekamen so von der Gewerkschaftsarbeit wenig mit. So konnten sie auch nur schwer erfassen, wie die Arbeit der Gewerkschaftler sich auf das betriebliche Geschehen auswirkte. Man habe ausschließlich auf die Betriebsräte und nicht auf die Belegschaft und den Aufbau von gewerkschaftlichen Strukturen innerhalb der Betriebe gesetzt. So haben die Gewerkschaften einen Teil ihrer Schwierigkeiten selbst verschuldet.

Jetzt seien die Kolleginnen und Kollegen in den Unternehmen aktiv. Sie schließen sich zusammen um gemeinsam für Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Bei Amazon ist es jetzt nicht mehr nur die Gewerkschaft, die den Kampf organisiert und entscheidet, wie und wofür gekämpft wird. Es sind die Mitarbeiter selbst. In einer Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit dem Titel „Partizipative Arbeitskämpfe, neue Streikformen, höhere Streikfähigkeit?“ heißt es:

„Dass Mitglieder „ihrer“ Gewerkschaft einfach loyal folgen, davon geht heutzutage niemand mehr aus. Dieser Vorstellung liegt ein Beteiligungsmodell, beziehungsweise ein „Typus kollektiver Interessenorientierung“ zugrunde, der seit Jahrzehnten an Bedeutung verliert. Vielmehr gehen wissenschaftliche Untersuchungen über die Erneuerung von Gewerkschaften davon aus, dass die Beteiligung von Mitgliedern an der Gewerkschaftsarbeit zentral für die Arbeitskampffähigkeit ist.“

Die Hauptakteure der Streiks sollen, so Bernd Riexinger, ehemaliger Geschäftsführer bei Verdi Stuttgart und Bundesvorsitzender der Partei die Linke, nicht mehr die hauptamtlichen Gewerkschafter, sondern eher die Belegschaften selbst sein. Diese sollen durch regelmäßige Streikversammlungen in die Lage versetzt werden, eigene Strategien und Ziele zu entwickeln. Die Kolleginnen und Kollegen werden dadurch zu den entscheidenden Akteuren.

Derzeit, so ist aus Gewerkschaftskreisen zu hören, gibt es innerhalb der Gewerkschaften einen Generationenwechsel. Viele junge Gewerkschafter versuchen zunehmend, diese neuen Organisationsstrategien in den Betrieben umzusetzen. Der Erfolg scheint ihnen recht zu geben. Bislang war der Dienstleistungsbereich nicht für große und lange Arbeitskämpfe bekannt, obwohl gerade in dieser Sektor für seine schlechten Arbeitsbedingungen bekannt ist.

Der Arbeitskampf bei Amazon, der über ein Jahr dauernde Arbeitskampf im Einzelhandel, in dem Verkäufer und Verkäuferinnen für den Erhalt eines Flächentarifvertrages kämpften, sind nur einige Beispiele, in denen die Gewerkschaften die Streikenden zwar unterstützen, die Ziele jedoch durch die Mitarbeiter selbst festgelegt wurden.

Ellen Schmitt-Fleckenstein, Holzkirchen



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