Amazon ist eine Nummer zu groß für die Gewerkschaft Verdi

Amazon eine Nummer zu groß für die Gewerkschaft Verdi

Der Sprecher des Verdi-Bundesvorstands, Christoph Schmitz, hat gegenüber der Nachrichtenagentur dpa erneut bekräftigt, auch in 2014 den Kampf gegen Amazon fortzuführen zu wollen: „Wir haben uns von Anfang an darauf eingestellt, dass Amazon ein harter Brocken ist und der Konflikt einen langen Atem braucht. Das ist keine Sache von Wochen oder Monaten. Aber wir werden stärker – und wir lassen nicht nach. … Es wird auch in Zukunft Streiks und öffentliche Aktionen geben.“

Verdi will (für die Mitarbeiter) eine Bezahlung nach den Tarifen des Einzelhandels. Amazon ist jedoch Logistiker, zahlt dementsprechend die Tarife der Logistikbranche. So beträgt der Einstiegslohn in Bad Hersfeld für einen ungelernten Lagerarbeiter 10,01 Euro/Stunde, im zweiten Jahr 11,59 und im dritten Jahr 11,71 Euro. Nach den Einzelhandeltarif müssten es in den ersten drei Jahren jeweils 11,77 Euro sein, nach der Vereinbarung für die Logistikbranche 10,93 Euro. Zudem zahlt Amazon auch Boni, Weihnachtsgeld und gibt Aktienzuteilungen. Amazon lehnt deshalb Tarifverhandlungen ab.

Handelsfachmann Gerrit Heinemann, Professor an der Hochschule Niederrhein, meint zu den Aktionen: „Verdi hat keine Chance, sich durchzusetzen. Verdi wirkt mittlerweile wie ein zahnloser Tiger. Das war’s wohl mit der Offensive. Die Gewerkschaft habe sich den falschen Gegner ausgesucht, um ein Exempel zu statuieren.“

Der Sinn von Tarifverträgen liegt darin, die abhängig Beschäftigten in ihrer Branche nicht in eine Abwärts-Lohn-Spirale laufen zu lassen. Unternehmen versuchen natürlich, sich durch die Minimierung der Kosten einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, was sie nicht – wie es immer wieder dargestellt wird – aus niederen Beweggründen tun, sondern um im Wettbewerb bestehen zu können. Denn wenn sie das nicht mehr können, werden gar keine Löhne mehr gezahlt.

Was aber Verdi in dieser Posse macht, hat mit dem Grundgedanken des Tarifvertrags nicht mehr zu tun. 

Verdi und das Spiel mit den MuskelnBereits im vergangenen Jahr hatten Amazon-Mitarbeiter, diejenigen Menschen also die Verdi vorgibt zu vertreten, sich eindeutig gegen die Streiks und Verdi ausgesprochen. Die Amazon-Mitarbeiter hatten etwa 1.100 Unterschriften gesammelt und sich von den Zielen, Argumenten und Äußerungen von Verdi, die in der Öffentlichkeit über Amazon und damit über sie verbreitet werden, distanziert.

Der Protest gegen Verdi wurde damit von mehr Mitarbeitern unterschrieben, als sich Mitarbeiter zuletzt an den Vorweihnachtsstreiks beteiligt hatten, das waren laut Verdi rund 650. Insgesamt arbeiteten bei Amazon in Deutschland in der Vorweihnachtszeit rund 23.000 Mitarbeiter. Sollten die Verdi-Angaben über die Anzahl der streikenden Mitarbeiter korrekt sein, war bereits damals die Streikbeteiligung mit 3 Prozent der Mitarbeiter extrem niedrig.

Nach erfolglosen Streiks in Deutschland hatte Verdi angekündigt, auch in Polen und Tschechien mobilmachen zu wollen, denn Verdi hatte blitzschnell erkannt, dass die neuen Versandzentren in Osteuropa „…als Mahnung für die Standorte in Deutschland verstanden werden…“ und „…die Ankündigung wird als Drohung verstanden, nach Osten abzuwandern“, so ver.di-Sekretär Thomas Schneider.

Die Aussage von Mechthild Middeke von Verdi Hessen „Wir wollen beweisen, dass wir uns steigern können“ zeigt auch deutlich, worum es inzwischen geht! Es geht hier nicht mehr um die Arbeitnehmer, es geht um das Selbstverständnis von Verdi und die gekränkte Gewerkschafterseele

Verdi hat aber die Wünsche derer, die sie vertreten, ignoriert und setzt weiter auf Selbstverwirklichung.

Der blinde Aktionismus zur Selbstverwirklichung von Verdi ist kaum noch zu übertreffen. Standen die meisten Medien zu Beginn hinter Verdi und den Streikaktionen, hat sich das Blatt bereits 2013 gewendet. Immer öfter beschäftigen sich die Medien wirklich mit den Schlagzeilen und drucken nicht unreflektiert die Verdi Pressemitteilungen und springen auf den Zug des bösen großen amerikanischen Arbeitgebermonsters. So wird inzwischen auch in der renommierten Presse oftmals Unverständnis über die Streikaktionen geäußert. Auch die anfängliche Flut von aufgeregten Kommentaren im Internet hat deutlich abgenommen. Die Rufe nach Boykott und Blockade sind kaum mehr vorhanden und offensichtlich auch im vergangenen Jahr nicht erhört und von den Aufrufenden selbst nicht befolgt worden:

Trotz Verdi-Streiks und negativ-Presse hatte Amazon die beste Weihnachtssaison aller Zeiten.

Warum ist es der Gewerkschaft seit über einem Jahr nicht gelungen ist, gegen Amazon erfolgreich zu sein?

1. Der Grundvorwurf ist nicht nachvollziehbar

Amazon ist sicherlich kein Unschuldslamm. Es beginnt bei seinem Steuergeflecht in Luxemburg um Steuerzahlungen zu vermeiden und endet bei fragwürdigen Auflagen gegenüber Businesspartnern. Der Vorwurf jedoch, dass Amazon seine Angestellten zu Dumpinglöhnen schuften lässt, ist einfach unverständlich. Die Mitarbeiter liegen mit ihrem Einkommen am oberen Ende dessen, was in der Logistikbranche üblicherweise gezahlt wird. Zwar käme nach Einzelhandelstarif etwas mehr heraus, doch warum sollten Mitarbeiter die Pakete packen, wie Verkäufer in Geschäften bezahlt werden? Die beiden Arbeiten unterscheiden sich ganz klar voneinander, weshalb die Bezahlung der Personen auch in getrennten Tarifverträgen anerkannt werden sollte. Und was würde passieren, wenn Amazon die Beschäftigungen vollständig an externe Logistikdienstleister ausgelagert hätte? Den [zumeist ungelernten] Angestellten wäre damit bestimmt nicht geholfen!

2. Die Amazon-Kunden spielen das „verdi-Spiel“ nicht mit

Die Verbraucher nehmen den „Amazon-Skandal“ anscheinend nicht als solchen wahr. Natürlich bleibt immer ein fader Beigeschmack zurück, doch die Imagewerte Amazons leiden nur bedingt darunter. Bei früheren verdi-Aktionen wie gegen Lidl oder Schlecker gab es zu recht Boykott-Reaktionen der Konsumenten auf angeprangerte Miseren. Bei Amazon ist das nicht der Fall: Die Kunden ordern weiter ihre Waren beim Internet-Händler – verdi hin oder her. Im Januar erst informierte der Konzern über das beste Weihnachtsgeschäft aller Zeiten.

3. Die Bindung an die Gewerkschaft ist schwach

Im Einzelhandel ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder allgemein sehr übersichtlich. Beim Internethandel selbst, abgesehen vom Otto-Konzern, ist die gewerkschaftliche Organisation praktisch nicht vorhanden. So sind  auch die Internet-Größen Amazon, Zalando oder Brands4Friends, eine eBay-Tochter, tarif- sowie verdi-freie Gebiete. Zwar wurde von den Amazon-Streiks in den Medien sehr viel und ausführlich berichtet, doch mangels Beteiligung vieler Amazon-Mitarbeiter, verliefen sich die Arbeitsniederlegungen im Sande.

4. Die Gewerkschaft verdi hat sich verzettelt

Unter Umständen hätte verdi eine Möglichkeit gehabt, sich aufgrund der Debatte über den Einsatz von Leiharbeitern bei Amazon einzuschleichen. Dann hätte die Gewerkschaft vielleicht ihre Vorstellungen im vergangenen Jahr komprimiert durchsetzen können. Jedoch ist verdi an zu vielen anderen Schauplätzen gleichzeitig aktiv und musste 2012/2013 sich im Einzelhandel mit wirklichen Schwierigkeiten beschäftigen: Zum einen die Krise bei Karstadt, Praktiker in der Abwicklung und zum anderen der Ausstieg der Warenhausgruppe Globus aus dem Flächentarif. Simultan dazu liefen im Jahr 2013 die Tarifverhandlungen im Einzelhandel begleitet von Warnstreiks. Hier wurden natürlich Kräfte gebunden, die letztendlich beim Angriff auf Amazon Deutschland fehlten.

Alle Aktionen die nun von verdi folgen können mit dem Motto Selbstverwirklichung belegt werden, mit dem Einsatz für die Rechte von Arbeitnehmern haben diese Aktionen nichts mehr zu tun!

 

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Frank Weyermann
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