Undercover-Ermittlung bei Zalando Erfurt: Erneut Kritik wegen Arbeitsanforderungen

Für das RTL-Magazin EXTRA hat sich die junge Undercover-Reporterin Caro Lobig für fast drei Monate, ganz im Stil ihres Mentors Günter Wallraff, als Lagerarbeiterin im Standort Erfurt des Versand-Händlers Zalando eingeschleust. 2012 wurde das Logistikzentrum in Erfurt eröffnet. Es beschäftigt 2.000 Arbeitnehmer und ist damit nach eigenen Angaben größter privater Arbeitgeber der Region. Ferner betreibt Zalando kleinere Zentren in Mönchengladbach und Brieselang, Brandenburg.

Lobig arbeitete unter falscher Identität, unter anderem als Picker, und filmte mit versteckter Kamera, bis sie kurz vor Ende des Einsatzes aufflog. Sie berichtet von Schikanen und inhumanen Anforderungen. Zalando selbst teilte inzwischen mit, dass man den Anschuldigungen nachgehen will.

Die Reporterin ist mit ihrem Bericht an die Öffentlichkeit gegangen und wirft Zalando in Erfurt Verschiedenes vor:

Permanente Kontrolle

Undercover-Ermittlung bei Zalando Erfurt: Erneut Kritik wegen Arbeitsanforderungen

Undercover-Ermittlung bei Zalando Erfurt: Erneut Kritik wegen Arbeitsanforderungen

Wie Lobig erklärt, war die Überwachung mit das Schlimmste. Der psychologische Druck sei kaum auszuhalten.Die  elektronischen Picksysteme erfassten Ort, Geschwindigkeit und Verweildauer der Mitarbeiter. Doch auch unter den  Angestellten könne man sich nie sicher sein. So wie Lobig informiert, konnte sich niemand sicher fühlen, nicht im nächsten Augenblick denunziert zu werden, etwa weil jemand in der Gewerkschaft aktiv war. Aufsteigen in der Hierarchie könne man nur, indem man seine  Kollegen verleumde. Doch auch Vorgesetzte kontrollierten die Mitarbeiter. Sie mischten unter die Angestellten in Zalando-Arbeitsbekleidung und überwachten die Arbeitsabläufe.

Arbeitsbelastung sei enorm

Da Lobig auch als als Picker arbeitete, musste sie zu Fuß durch die 120.000 Quadratmeter große Lagerhalle mit angeblich 1.000 Regalen und 7 Millionen Artikeln laufen, um Produkte für Bestellungen einzusammeln. Hier kämen dann durchaus schon mal bis zu 27 Kilometer am Tag zusammen. Die Vorgesetzten würden auch penibel darauf achten, dass sich niemand hinsetze. Selbst dann nicht, wenn gerade ein Moment der Ruhe war. Angeblich sei hinsetzen verboten, denn „man führe eine stehende und laufende Tätigkeit aus“, so ein Teamleiter.

Zalando reagierte auf die Vorwürfe mit einer Mitteilung. Der Konzern verweist auch darauf, dass alle  „Prozesse in Erfurt von Zalando-Mitarbeitern entwickelt“ worden seien. Ebenso versuche man gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen diese Abläufe ständig zu optimieren. Viel Zeit investiere man ferner in Ausbildung und Qualifizierung sowie in regelmäßige Feedbackgespräche.  Den Anschuldigungen will Zalando nun nachgehen. Es soll „genau geprüft werden, in welchen Punkten die Kritik des Berichts zutrifft und ob es sich hierbei um systematische Probleme oder Fehler Einzelner handelt.“

Auf der Facebook-Seite von Zalando gibt es auch Stimmen von Mitarbeitern, die den Darstellungen des Berichtes widersprechen. Interessanterweise sieht auch die Arbeitsagentur in Mönchengladbach die Arbeitsbedingungen in Mönchengladbach ganz anders. Die Jobs entstünden in Vollzeit und seien sozialversicherungspflichtig, mit betrieblicher Altersvorsorge, Tarifbezahlung und Zuschüssen zum VRR-Ticket ausgestattet.

Es ist nicht das erste Mal, dass Zalando wegen seiner Arbeitsbedingungen in der Kritik steht. Schon 2012 und 2013 wurden die unwürdigen Arbeitsbedingungen angeprangert.

Doch Zalando steht mit den Vorwürfen nicht alleine da. Auch andere Internet-Händler sahen sich wegen schlechter Arbeitsbedingungen schon angeklagt. Aber ebenso viele stationäre Discounter standen schon des Öfteren in der Kritik.

Was viele jedoch auch vergessen sich zu fragen: Wie soll sich kostenloser Versand und kostenfreie Retoure finanzieren? Bestellt werden, gerade bei Bekleidung, gleich mehrere Größen und Farben. Dann behält man ein Teil und schickt den Rest zurück. Kostet ja nichts! Alles soll günstig oder besser noch umsonst sein. Wer würde denn noch bei Zalando & Co. bestellen, wenn die Versandgebühr 5,00 Euro kostet und Retouren vom Kunden bezahlt werden müssen?

Und alle, die jetzt vehement dazu aufrufen den Zalando-Account zu löschen, treffen sich dann morgen bei Zara, H&M oder Primark, um dort die Billigproduktionen aus Indien oder Bangladesch zu kaufen… !

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Ellen Schmitt-Fleckenstein, Holzkirchen

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