Startup-Land Baden-Württemberg: Die Netzwerke funktionieren, aber die Finanzierung stockt

Nicht nur in Berlin und München finden deutsche Gründer:innen gute Bedingungen vor, auch in „The Länd“ lassen sich erfolgreiche Startups aufbauen: Zwei von drei baden-württembergischen Entrepreneuren bewerten das Startup-Ökosystem im Bundesland positiv. Eine große Stärke sind die guten Netzwerke zur etablierten Wirtschaft, zu anderen Startups und potenziellen Kunden. Der Zugang zu Kapital und Personal ist für die Gründer:innen im Südwesten Deutschlands allerdings noch nicht optimal.

Zu diesen Ergebnissen kommt der 9. Deutsche Startup Monitor (DSM), den der Startup-Verband und PwC in Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg-Essen erstellt haben. An der Studie haben sich über 2.000 deutsche Startups beteiligt, davon 317 mit Sitz in Baden-Württemberg.

Startup-Land Baden-Württemberg: Die Netzwerke funktionieren, aber die Finanzierung stockt. pixabay.com ©StartupStockPhotos (Creative Commons CC0)

Startups wollen einstellen, doch die Personalsuche ist schwierig

Dabei sind die aufstrebenden Unternehmen in „The Länd“ im Vergleich zum Bundesschnitt personell deutlich schwächer aufgestellt. Während die baden-württembergischen Startups im Schnitt sieben Mitarbeiter:innen beschäftigen, sind es deutschlandweit 18. Im neuen Jahr 2022 sollen aber auch im Südwesten neue Kolleg:innen hinzukommen: 88 Prozent der baden-württembergischen Startups planen Neueinstellungen. Im Schnitt wollen sie fünf neue Kräfte rekrutieren.

Aber die Personalsuche gestaltet sich schwierig: Nur 46 Prozent sind mit der Verfügbarkeit von qualifizierten Nachwuchskräften vor Ort zufrieden (bundesweit 52 Prozent) – und lediglich 40 Prozent bewerten die Anziehungskraft für Talente von außerhalb als gut. Auch dieser Wert liegt deutlich unter dem bundesweiten Schnitt (47 Prozent).

„Diese Situation zu verbessern, ist Ziel der neuen Standort-Kampagne ‚The Länd‘, mit der Baden-Württemberg qualifizierte Nachwuchskräfte anlocken und international sichtbarer werden will.“ Marcus Nickel, Standortleiter PwC Stuttgart

„Ich halte das für sehr wichtig, denn in Baden-Württemberg hat sich gerade in den letzten Jahren eine sehr dynamische Startup-Landschaft weiterentwickelt, die sich auf das gesamte Bundesland verteilt“, kommentiert Stefan Ditsch, Standortleiter von PwC in Mannheim.

„Gerade in Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe und Freiburg gibt es schon lange sehr aktive Startup-Ökosysteme, die vom engen Austausch mit den etablierten Konzernen, Familienunternehmen und der starken Hochschullandschaft in der jeweiligen Region profitieren.“ Stefan Ditsch, Standortleiter von PwC Mannheim

Zugang zu Wagniskapital und Business Angels ausbaufähig

Nach dem aktuellen DSM bereitet den Jungunternehmer:innen in der Region das liebe Geld die größten Bauchschmerzen: Mit dem Zugang zu Kapital und Investitionen sind nur 30 Prozent der Befragten zufrieden (bundesweit 38 Prozent). Die Aspekte Cashflow/Liquidität und Kapitalbeschaffung zählen für 35 beziehungsweise 29 Prozent der baden-württembergischen Startups zu den größten Hürden, die sie aktuell meistern müssen.

Interessant ist dabei, dass die Startups im Südwesten das Thema Cashflow/Liquidität als noch herausfordernder empfinden als die Kapitalbeschaffung. Der Grund: Die Finanzierung ohne externe Mittel, das sogenannte Bootstrapping, ist in Baden-Württemberg gängiger als anderswo. Die wichtigste Finanzierungsquelle für die hiesigen Gründer:innen sind mit großem Abstand die eigenen Ersparnisse (79 Prozent), gefolgt von staatlichen Fördermitteln (37 Prozent).

Die Finanzierung über Wagniskapital und Business Angels ist zwischen Mannheim und Freiburg laut dem 9. Deutschen Startup Monitor (DSM) noch stark ausbaufähig: Nur zehn Prozent der Gründer:innen nutzen Venture Capital – im Gegensatz zu 20 Prozent der Startups bundesweit. Ähnlich sieht es bei der Finanzierung durch Business Angels aus: Nur 18 Prozent erhalten auf diesem Weg Finanzmittel, im deutschlandweiten Schnitt sind es immerhin 30 Prozent.

„Um Wachstumschancen zu nutzen und das Ökosystem weiterzuentwickeln, müssen die Startups im Land besonders bei größeren Finanzierungsrunden aufholen und auch den Mut haben, sich innovative Finanzierungsquellen wie Wagniskapital und Business Angels zu erschließen.“ Dr. Minkus Fischer, Leiter PwC-Startup-Initiative NextLevel Stuttgart

Marcus Nickel ergänzt: „Auf der anderen Seite sind aber auch viele Unternehmen gut beraten, den Ausbau von Corporate Venture Capital – eine wichtige Stellschraube für die Wachstumsfinanzierung – zu fördern. Insbesondere erfahrene Unternehmerfamilien, von denen es in unserer Region ja zum Glück sehr viele gibt, sind hier gefragt. Denn das kann für beide Seiten zur klassischen Win-Win-Situation werden.“

Enge Netzwerke zur etablierten Industrie und Forschung

Überdurchschnittlich gut schneidet die Region in Sachen Kooperationen ab: 71 Prozent der baden-württembergischen Startups arbeiten eng mit etablierten Unternehmen zusammen (bundesweit 65 Prozent). 59 Prozent kooperieren mit anderen Startups und 55 Prozent mit wissenschaftlichen Einrichtungen. Diesen engen Austausch wissen die Gründer:innen aus der Region durchaus zu schätzen: 64 Prozent bewerten das Netzwerk zu anderen Startup-Gründer:innen positiv.

„Kooperationen mit der etablierten Wirtschaft sind ein wichtiger Erfolgsbaustein für die Weiterentwicklung des Startup-Ökosystems. Gerade mit Blick auf die Technologie- und IT-Schwerpunkte der hiesigen Startups – wie zum Beispiel die Zukunftstechnologien Künstliche Intelligenz oder Industrie 4.0 – entstehen wichtige Synergien. Der Schlüssel zum Erfolg sind funktionierende Matching-Angebote zwischen Startups und den erfahrenen Playern im Land, etwa im Bereich Automobilbau oder Elektrotechnik.“ Marcus Nickel, Standortleiter PwC Stuttgart

Drei weitere spannende Fakten über Startups in Baden-Württemberg

Die Stimmung hellt sich auf: Das Geschäftsklima im Startup-Ökosystem hat sich deutlich verbessert und liegt wieder fast auf Vorkrisenniveau. Die Corona-Pandemie hat aber nach wie vor klare Auswirkungen auf die Startups im Bundesland: 55 Prozent sind nach eigenen Angaben noch immer negativ von der Pandemie betroffen.

Die Mehrheit will den Gang ins Ausland wagen: 62 Prozent der baden-württembergischen Startups wollen internationalisieren – dieser Wert liegt allerdings unter dem Bundesschnitt von 69 Prozent. Für die große Mehrheit (86 Prozent) stehen dabei die EU-Länder im Fokus, aber auch Nordamerika ist für ein Drittel interessant.

Mehr Vielfalt gefragt: Nur jede:r fünfte Mitarbeiter:in in baden-württembergischen Startups stammt aus dem Ausland. Die Internationalität liegt damit unter dem Bundesdurchschnitt und hinkt weit hinter Hotspots wie Berlin und München zurück. Der Frauenanteil unter den Gründer:innen stagniert auf niedrigem Niveau: Nur 16 Prozent der Gründer:innen in Baden-Württemberg sind weiblich.

PwC
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