Deutsche Gründerlandschaft kann 1,4 Millionen neue Jobs bis 2030 schaffen

McKinsey-Studie zeigt, unter welchen Voraussetzungen Start-ups bis 2030 zum Wachstumsmotor für Deutschland werden können — Gesamtes Start-up-Ökosystem kann 1,4 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen und eine Marktkapitalisierung von EUR 2.300 Milliarden erreichen — Gründungen von insgesamt 41.000 Start-ups bis 2030 möglich.

Deutsche Gründerlandschaft kann 1,4 Millionen neue Jobs bis 2030 schaffen. pixabay.com ©geralt (Creative Commons CC0)

Deutschlands Start-up-Ökosystem kann sich bis 2030 zu einem wesentlichen Bestandteil des deutschen Wachstumsmotors entwickeln. Die Chancen sind gewaltig: 41.000 Gründungen sind bis 2030 möglich und zusammen könnten diese neuen Start-ups eine Marktkapitalisierung von 2.300 Milliarden € erreichen. Dieses Wachstum würde nicht nur die heutige Gesamtbewertung der DAX40-Unternehmen um mehr als 20% übertreffen, sondern könnte gleichzeitig über 1,4 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Beide Aspekte – Wertschöpfung und Schaffung von Arbeitsplätzen – sind angesichts des Strukturwandels, den die deutsche Wirtschaft derzeit durchlebt, wichtig für die zukünftige Wirtschaftskraft des Landes. Voraussetzung dafür ist, dass sich bis 2030 alle Wirtschaftsakteure – Start-ups, Großkonzerne, Mittelstand, Finanzinstitute und Bildungseinrichtungen – gemeinsam in regionalen sowie thematischen Clustern zusammenschließen. Dies sind die zentralen Ergebnisse der Studie „Entrepreneurship Zeitgeist 2030: Making start-ups Germany’s next economic powerhouse“ von McKinsey & Company.

„Ein florierendes Start-up-Ökosystem muss die eigenen Stärken nutzen, statt Vorhandenes zu kopieren. Unternehmertum ist Teil der DNA der deutschen Volkswirtschaft. Gelingt es, unternehmerisches Handeln wieder zu betonen und ein inklusiveres, stärker vernetztes Start-up-Ökosystem zu schaffen, können sowohl neue Weltmeister als auch starke heimische Wirtschaftsmotoren in ausreichender Zahl gegründet und etabliert werden“, sagt Karel Dörner, Senior Partner im Münchener Büro von McKinsey und Co-Autor der Studie.

Ein neuer unternehmerischer Zeitgeist soll die Herausbildung von sowohl wachstumsstarken Gründungen mit besonderer Wirtschafts- und Strahlkraft unterstützen als auch mittelständische geprägte Start-ups, den „neuen deutschen Mittelstand“ fördern. Dieser trägt überproportional zur Schaffung neuer Arbeitsplätzen und Innovationen bei.

Die Ergebnisse des Reports basieren auf zwei Quellen: einem proprietären quantitativen Modell, das die Auswirkungen der deutschen Start-up-Ökosysteme auf die deutsche Wirtschaft prognostiziert und mehr als 20 qualitativen Interviews mit Experten und Entscheidern der deutschen Start-up-Landschaft, die im Herbst 2021 durchgeführt wurden.

Anzahl der Start-ups verdoppeln und Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen

Damit die deutsche Gründerlandschaft zu einem Wachstumsmotor wird, muss die bereits hohe Dynamik im Start-up-Ökosystem Deutschland von rund 2.900 neu gegründeten Start-ups pro Jahr nicht nur aufrechterhalten, sondern beschleunigt werden. Zwei Stoßrichtungen können die Marktkapitalisierung der aktuellen Gründungstätigkeit (EUR 1.100 Milliarden) durch eine zusätzliche Wertschöpfung von EUR 1.200 Milliarden bis 2030 erhöhen:

  • Die jährliche Verdoppelung der Anzahl aktuell gegründeter Start-ups in 2030 mit einer potenziellen Marktkapitalisierung von insgesamt EUR 500 Milliarden und
  • die Erhöhung der Erfolgswahrscheinlichkeit von Start-ups mit einem zusätzlichen Wertpotenzial von fast EUR 500 Milliarden

Nimmt man beide Hebel zusammen, kann die gesteigerte Erfolgsrate der Neugründungen einen zusätzlichen Wert von 200 Mrd. EUR schaffen, was zu einem Gesamtwert in Höhe von EUR 2.300 Milliarden führt.

41.000 Start-up-Neugründungen in dieser Dekade möglich

Nach einer repräsentativen Umfrage von McKinsey entscheiden sich lediglich 5 Prozent der Befragten mit Gründungsvorhaben auch wirklich zu gründen. Das führt z.B. zu weniger als halb so vielen Gründungen wie in den Niederlanden. Dafür gibt es zwei Gründe: das Fehlen eines klaren unternehmerischen Denkens und Hindernisse im Gründungsprozess. Die Autoren der Studie haben fünf spezifische Quellen identifiziert, die für eine Verdopplung der im Jahr 2030 gegründeten Start-ups um 2.900 auf 5.800 Unternehmen sorgen können. Unter Berücksichtigung von Anlaufeffekten der Hebel und inklusive der schon heutigen Gründungsaktivität ist damit eine Gesamtzahl der Gründungen von fast 41.000 Start-ups zwischen heute und 2030 möglich.

  1. Mehr Ausgründungen aus Universitäten und Forschungseinrichtungen: Rund 1.350 weitere jährliche Gründungen sind durch eine stärker unternehmerische Denkweise und Lehre an Universitäten, Vernetzung mit der Wirtschaft sowie verbesserte Kommerzialisierung der Forschungsleistung zu erwarten
  2. Verdopplung der Anzahl weiblicher Gründerinnen: Ein besserer Zugang zu Finanzmitteln und Netzwerken sowie die Verdopplung des Gründerinnenanteils auf 32% ermöglichen gemeinsam die jährliche Gründung von weiteren 630 Start-ups
  3. Verdopplung der Anzahl von Gründer:innen ohne akademische Ausbildung: Durch die Verdoppelung des Anteils von Gründer:innen ohne Hochschulabschluss auf fast 40 Prozent können in Deutschland bis 2030 zusätzlich jährlich 520 Start-ups gegründet werden
  4. Steigerung der Gründungsaktivität von Menschen in den Dreißigern: Der Altersdurchschnitt erfolgreicher Gründer:innen beträgt 45 Jahre. Eine Erhöhung des Anteils von Gründer:innen mittlerern Alters kann jährlich 220 Start-ups schaffen
  5. Talent Pool von Gründer:innen mit Migrationshintergrund systematisch fördern: Einwanderer oder ihre Nachkommen zeigen eine höhere Gründungsbereitschaft als Nicht-Einwanderer (59 Prozent bzw. 49 Prozent), aber sie stellen nur 20% der aktuellen Gründergruppe. Gelingt es, ein inklusiveres Start-up-Ökosystems zu realisieren und die Finanzierungslücke bei Gründer:innen mit Migrationshintergrund zu schließen, sind jährlich 180 zusätzliche Gründungen in 2030 möglich

„Chancengleichheit ist ein wesentlicher wirtschaftlicher Faktor. Wir müssen benachteiligten Gruppen mehr Unterstützung bei der Gründung bieten“, sagt Markus Berger-de León, Partner im Berliner McKinsey-Büro und Co-Autor der Studie.

Start-ups erfolgreicher machen

Die bloße Erhöhung der Menge an Start-ups ist nur ein Aspekt auf dem Weg zu einer robusteren unternehmerischen Wirtschaft in Deutschland. Ebenso entscheidend ist die Unterstützung ihres Wachstums und ihrer erfolgreichen Wertschöpfung. Zwei Wege sind entscheidend:

  • Starkes Wachstum entlang der Gründungs- und Finanzierungsphasen, um einen Milliarden-Exit zu erreichen und langfristig stabile Unternehmen zu produzieren. Diese Hyperwachstumsunternehmen können bis 2030 rund 85 Prozent der Gesamtbewertung des Start-up-Ökosystems stellen
  • Konzentration auf einen nachhaltigen Weg zur Profitabilität oder einen frühen Ausstieg, der viele Arbeitsplätze schafft. Dieser “Neue Deutsche Mittelstand“ würde zwar nur 15 Prozent der Gesamtbewertung auf sich vereinen, wäre aber gemessen an seiner Größe für 30 Prozent der in Start-ups geschaffenen Arbeitsplätze verantwortlich.

Im Vergleich zu den USA erreichen deutlich weniger Top-Gründungen aus Deutschland die späteren Finanzierungsrunden. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein US-Start-up einen langfristig stabilen Zustand erreicht, 1,5-mal so hoch wie für hiesige Start-ups. Für Unternehmen mit Hyperwachstumspotenzial ist es jedoch enorm wichtig, genügend Finanzmittel in späten Finazierungsrunden (Serie-D) zu akquirieren, da diese mit bis zu 95% den Großteil der Marktkapitalisierung generieren.

Durch einen verbesserten des Zugangs zu Later-Stage-Finanzierungen – auf Augenhöhe mit den US-Wettbewerbern – können fast 75 weitere deutsche Start-ups den so genannten Einhorn-Status erreichen oder erfolgreich einen Börsengang durchführen. „Aktuell erreicht etwa 1 von 330 Start-ups einen langfristig stabilen Zustand. Um diese Quote zu verbessern und die Wertschöpfung wieder lokal zu reinvestieren, müssen die Bedingungen für die Skalierung eines Unternehmens in Deutschland verbessert werden, insbesondere im Bereich des Zugangs zu Talenten, internationalen Märkten und lokalem Wachstumskapital“, sagt Max Flötotto, Senior Partner im Münchener Büro von McKinsey und Co-Autor der Studie.

Die Skalierung eines Unternehmens durch Risikokapital oder einen Börsengang ist jedoch nicht für alle Gründer:innen das ultimative Ziel. Start-ups, die sich in Richtung des „Neuen Deutschen Mittelstandes“ entwickeln, durchlaufen häufig nicht alle Finanzierungsrunden, sind aber trotzdem erfolgreich. Durch ihren frühen Fokus auf Rentabilität schaffen sie Arbeitsplätze und sind tendenziell stabiler als Start-ups mit überproportionalem Wachstumspotenzial. Dies macht sie zu einer wichtigen Säule der deutschen Wirtschaft. Zumal sich diese Start-ups in der Regel nicht in urbanen Zentren ansiedeln, sondern Arbeitsplätze in ländlichere Gebiete tragen. „Dort sind sie noch stärker in das Ökosystem regionaler Akteure eingebettet und können sicherzustellen, dass die Rendite im Ökosystem bleibt und nicht über internationale Risikokapitalgaber auf andere Kontinente wandert“, so Tobias Henz, Associate Partner im Münchener Büro von McKinsey und Co-Autor der Studie.

Um auf die Übernahme dieser Verantwortung vorbereitet zu sein, sollte die nächste Generation von Unternehmer:innen des „Neuen Deutschen Mittelstands“ so früh wie möglich (d. h. in der Schule) erste Erfahrungen mit den Herausforderungen der Unternehmensgründung und -führung machen. So können sie auch ihren Beitrag dazu leisten, die Zusammenarbeit zwischen etablierten Akteuren – Großunternehmen und dem Mittelstand – zu stärken und zu verbessern.

McKinsey & Company, Inc.
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