Weltweiter IPO-Markt: Börsenneulinge sammeln so viel Geld ein wie zuletzt 2010

Ein starkes Schlussquartal verhilft dem weltweiten IPO-Markt zu neuen Höchstständen: Weltweit haben 2020 insgesamt 1322 Unternehmen den Schritt aufs Parkett gewagt – das waren 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Das weltweite Emissionsvolumen stieg sogar um 26 Prozent auf 263 Milliarden US-Dollar und damit auf den höchsten Wert seit dem Jahr 2010.

Besonders stark gestiegen ist das Emissionsvolumen in den USA: um 69 Prozent auf 86 Milliarden US-Dollar. Die Zahl der Transaktionen an den US-Börsen kletterte um 32 Prozent auf 222. China (einschließlich Hongkong) verzeichnete ein Wachstum des Emissionsvolumens um 51 Prozent auf 116 Milliarden US-Dollar, während die Zahl der IPOs um 41 Prozent auf 514 stieg.

Auch in Europa ging es aufwärts – allerdings mit niedrigeren Wachstumsraten. Die Zahl der Börsengänge stieg um 17 Prozent auf 176, das Emissionsvolumen kletterte um neun Prozent auf 27 Milliarden US-Dollar.

Als sehr robust erwies sich auch das vierte Quartal mit einem Anstieg der weltweiten Emissionserlöse gegenüber dem sehr starken Vorjahreszeitraum um 4 Prozent auf 97 Milliarden US-Dollar, während die Zahl der Transaktionen um 19 Prozent auf 448 kletterte. Die positive Entwicklung war allerdings nicht auf allen IPO-Märkten spürbar. So gingen an den chinesischen Börsen die Erlöse um sechs Prozent zurück, die Zahl der Deals sank um 14 Prozent. Die USA und Europa verzeichneten im vierten Quartal hingegen deutliche Zuwächse – sowohl beim Emissionsvolumen als auch in Bezug auf die Zahl der IPOs.

Das sind Ergebnisse des aktuellen weltweiten IPO-Barometers des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY (Ernst & Young).

„Auf den ersten Blick erscheint es widersinnig, dass in einem so schwierigen Jahr wie 2020 Börsengänge derartig boomen“, stellt Dr. Martin Steinbach, Partner und Leiter des Bereichs IPO and Listing Services bei EY, fest. „Allerdings ist ein wichtiger Treiber des IPO-Geschehens nach wie vor die enorm hohe Liquidität, die im Markt ist und nach Anlagemöglichkeiten sucht. Zudem zeigt sich derzeit einmal mehr, dass der Markt für Börsengänge relativ wenig über die Gegenwart, aber viel über die Zukunft sagt. Zum einen führte die Pandemie zu einem ungeahnten und nicht wieder rückgängig zu machenden Digitalisierungsboom, von dem gerade Börsengänge von Technologieunternehmen profitieren und weiter profitieren werden. Und sie beschleunigte Entwicklungen in vielen Branchen, für die es sonst Jahre oder Jahrzehnte brauchte. Sie hat aber an anderer Stelle in vielen Gesellschaften auch erhebliche Defizite aufgedeckt, für die nun Lösungen gesucht werden“, sagt Steinbach.

„2020 war Disruption pur“, so Steinbach weiter. „Für die Wirtschaft, aber auch in Bezug auf die Art, wie wir arbeiten und einkaufen, wie wir uns fortbewegen, wie wir unsere Freizeit verbringen und wie wir kommunizieren. In diesem Jahr haben einige Trends enorm an Bedeutung gewonnen – und damit auch vielversprechende Börsenkandidaten zu neuen Wachstumschancen verholfen. Neben dem Technologiesektor geriet gerade der Gesundheitssektor im IPO Markt in den Fokus der Investoren.“

Auch die Herangehensweise der Unternehmen an einen Börsengang habe sich in diesem Jahr stark verändert, so Steinbach: „Die IPO-Platzierungsphase wurde dank virtueller Roadshows deutlich digitaler und schlanker. Damit einhergehend haben kürzere Roadshows das Volatilitäts- und Preisrisiko reduziert. Und in diesem Jahr haben zudem sogenannte SPAC – das sind börsennotierte Mantelgesellschaften – endgültig ihren Durchbruch in den USA gefeiert.

230 SPAC-Notierungen in 2020

Nachdem im Jahr 2019 weltweit 60 SPACs (Special Purpose Acquisition Companies) an der Börse notiert wurden und dabei insgesamt 13,7 Milliarden US-Dollar eingesammelt hatten, stieg die Zahl der neuen SPAC-Listings im Jahr 2020 auf 230 – das Emissionsvolumen lag 2020 bei 75,8 Milliarden US-Dollar.

„Der Zusammenschluss mit einem SPAC zählt zu den alternativen Optionen für IPO-Kandidaten, die in volatilen Zeiten nach einem möglichst sicheren und planbaren Weg an die Börse suchen. Gerade in den USA, zunehmend aber auch in Europa, ziehen Emittenten derzeit einen Zusammenschluss mit einem SPAC in Betracht – und das längst nicht mehr nur als „Plan B“-Option, wie es in der Vergangenheit oft der Fall war“, sagt Steinbach.

Deutschland mit Aufholpotenzial

Der deutsche IPO-Markt hat sich in diesem Jahr relativ schwach entwickelt. Insgesamt gab es zwölf deutsche Unternehmen, die auf verschiedenen Wegen den Weg an die Börse fanden. Neun Unternehmen gingen in Frankfurt an die Börse und erlösten dabei insgesamt 1,1 Milliarden Euro. Für das Segment SCALE entschieden sich dabei fashionette und EXASOL. Neuzugänge im Prime Standard waren Nagarro und Siemens Energy, die als Spin-off erstmals als eigenständige Unternehmen den Weg an die Börse fanden, sowie Compleo Charging Solutions, Hensoldt, Knaus Tabbert, Brockhaus Capital Management und PharmaSGP, die auf den klassischen Weg in den Prime Standard setzten. Drei deutsche Unternehmen entschieden sich für einen Börsengang in New York: Curevac und VIA Optronics erlösten dabei knapp 290 Millionen Euro, Immatics wählte einen SPAC-Merger an der NASDAQ, also einen indirekten Börsengang, der ein Volumen von 225 Millionen Euro hatte.

„Der deutsche IPO-Markt hatte gerade im ersten Halbjahr mit Gegenwind zu kämpfen“, beobachtet Steinbach. „Die hohe Volatilität bewog einige Unternehmen dazu, alternative Wege an die Börse zu prüfen und umzusetzen, andere Unternehmen haben ihre Börsenpläne vorerst wieder in der Schublade verschwinden lassen. Im zweiten Halbjahr zog die IPO Aktivität dann wieder an. Dieses Momentum, unterstützt durch derzeit hohe Bewertungsniveaus und eine geringe Volatilität, führt dazu, dass die Pipeline für 2021 recht voll und vielversprechend ist. Wir rechnen mit einem Anstieg der IPO-Aktivitäten und mit 12 bis 16 Börsengängen im Jahr 2021. Der Fortgang der COVID 19-Impfungen, Implikationen der US Präsidentschaftswahl und des Brexits werden auf das IPO-Sentiment im Jahr 2021 Einfluss haben.“

Technologie-Börsengänge dominieren – China stellt die drei größten IPOs

Im Jahr 2020 entfielen 33 Prozent der weltweiten Emissionserlöse auf IPOs von Technologieunternehmen, die gleichzeitig 24 Prozent aller Deals ausmachten. An zweiter Stelle stehen IPOs von Unternehmen aus dem Gesundheitssektor (19 Prozent der Erlöse, 17 Prozent der Transaktionen).

Die weltweit größte Transaktion im Jahr 2020 war der Börsengang des chinesischen Chip-Herstellers Semiconductor Manufacturing International, der 7,6 Milliarden US-Dollar einbrachte, gefolgt vom IPO des chinesischen Online Händlers JD.com, der 4,5 Milliarden US-Dollar einbrachte. An dritter Stelle folgt mit einem Emissionsvolumen von 4,4 Milliarden US-Dollar das IPO des chinesischen Hochgeschwindigkeitsbahnbetreibers Beijing-Shanghai High Speed Railway. Die größte Transaktion eines europäischen Unternehmens war der Börsengang des niederländischen Kaffeekonzerns JDE Peet’s NV, der 2,9 Milliarden US-Dollar einbrachte.

Im weltweiten Börsen-Ranking liegt in diesem Jahr die NASDAQ mit einem Volumen von 55,1 Milliarden US-Dollar auf dem ersten Platz, gefolgt von der Börse in Hongkong (50,1 Milliarden US-Dollar).

EY
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