Der Internetpionier AOL Europa wird zu großen Teilen geschlossen

AOL, ehemals America Online, ist ein US-amerikanischer Onlinedienst mit Sitz in New York. AOL bietet neben einem vollwertigen Internetzugang zusätzlich eigene Inhalte, die nur für die AOL-Kunden bei Verwendung der AOL-eigenen Software zugänglich sind. Die eigentliche Geschichte von AOL begann in den 80-iger Jahren, als Steve Case Spiele für den Atari 2600 entwickelte und diese per Modem und Telefonleitung verkaufte, womit das Fundament der Datenübertragung gelegt war. Case bastelte weiter an seiner Entwicklung und Mitte der 90-iger Jahre war AOL der international größte Internetprovider.

In Deutschland steht der Begriff AOL nicht für „America Online“, sondern ist lediglich Teil des Firmennamens. In den Anfängen des Unternehmens in Deutschland wurde AOL mit „Alles OnLine“ beworben. Die Entwicklung des Internets in Deutschland war seit dem Start 1995 eng mit der Geschichte von AOL Deutschland verbunden gewesen. Seit dem Verkauf des Business der Internetzugänge im Jahr 2007 an Hansenet (Alice) konzentrierte sich AOL.de auf das Portalgeschäft und die Vermarktung von Internetseiten – viele werden sich noch an die Massen von verteilten AOL-CDs erinnern.

Jetzt aber hat sich das World Wide Web von dem einstigen Internet-Pionier getrennt, denn AOL Europa wird zu großen Teilen geschlossen. Neben Deutschland sind auch die Standorte in Frankreich, Spanien und Schweden betroffen. Unter kleinerer Besetzung wird lediglich die Niederlassung in Großbritannien fortgeführt, die sich dann um das Werbe- und Userangebot kümmert. Darüber hinaus sollen Mitte Januar auch in den USA mehr als 500 Mitarbeiter entlassen werden, die Niederlassungen in Dallas und Seattle werden ganz geschlossen.

Der Untergang des einstigen Vorkämpfers bei Internetzugängen begann schon vor Jahren. Übrig bleibt heute das E-Mail-Angebot, Messaging und Winamp sowie ADTECH. Die Bekanntmachung von AOL, in Deutschland 140 und international mehr als 2.000 Jobs abzubauen, zeigt, dass auch die ganz Großen in der Branche scheitern können. Das Hauptportal AOL.de soll in verringertem Umfang weitergeführt werden. Von den einst weltweit 20.000 Mitarbeitern 2004 bleiben heute nach den Restrukturierungen lediglich 4.700.

Dabei hatte für AOL in Europa, zusammen mit Bertelsmann, alles so verheißungsvoll begonnen: Denn wer wollte sich schon als Nutzer mit dem Telekom-Internet abmühen, wenn man durch eine AOL-CD mit technisch einwandfreier Software ganz einfach ins Internet gelangen konnte. Die damals praktische Zugangssoftware, wurde in Massen gratis verteilt und damit war AOL in den guten Zeiten allgegenwärtig.

Bekanntestes Aushängeschild war Boris Becker, der im Jahr 1999 mit der Frage Bin ich schon drin? im deutschen TV für AOL geworben hat. Zu seinen besten Zeiten hatte AOL weltweit etwa 30 Millionen Kunden, wobei es alleine in Deutschland einmal drei Millionen waren.

Damit nicht zufrieden, wollte AOL-Chef Case mit dem Time-Warner-Konzern fusionieren sein. Zur Jahrtausendwende gingen die Konzerne zusammen und wollten zukünftig die digitale Unterhaltungswelt regieren. Kino, Fernsehen und Computer, alles sollte von den beiden Unternehmen beherrscht werden. Doch der Schuss ging für AOL nach hinten los, denn AOL brachte keinen Fuß auf den Boden.

Der Untergang von AOL ging langsam von Statten. Bertelsmann stieg aus dem Projekt AOL Europa 2002 aus und im Herbst vergangenen Jahres trennten sich dann Time Warner und AOL. Wobei bereits im Jahr 2003 AOL aus dem ursprünglichen Firmennamen AOL Time Warner gestrichen worden waren. Bei der Zusammenlegung von AOL und Time Warner lag der Börsenwert noch bei über 150 Milliarden US-Dollar. Zum Zeitpunkt der Separation waren es bei AOL noch nicht einmal mehr 5 Milliarden Dollar.

Letztendlich muss aber die Frage gestellt werden wie ein solches Urgestein scheitern konnte. Experten sagen, dass AOL für den Konzern bedeutende Trends schlichtweg verschlafen hat. Die Angebote waren zu teuer und der Service ließ zu wünschen übrig. Die Bonuspunkte, die AOL zu Beginn für sich sammeln konnte waren schnell aufgebraucht, denn die Konkurrenz hat die Trends nicht verschlafen. Das, was AOL am Anfang geboten hat war bald überall im Internet zu finden, nämlich Nachrichten und E-Mail-Adressen, und das auch noch kostenfrei.

Ob und wie es in den anderen europäischen Ländern  genau mit AOL weitergeht, ist derzeit noch  unklar. Die offizielle Stellungnahme, so Horizont.net, liest sich wenig optimistisch: In den meisten der 11 Länder sollen bereits Gespräche mit den Betriebsräten aufgenommen worden sein.

AOL hat die Zeichen der Zeit übersehen oder sich einfach immer noch zu sicher gefühlt.

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