Raghav Gupta, ehemaliger Entwickler bei eBay, im Gespräch mit Ina Steiner

unterschrift.jpgRaghav Gupta war von 2002 bis Oktober 2008 im eBay-Forschungslabor tätig, wo er Dinge erfand, missionierte, aufbaute und von wo aus neue Such-Technologien veröffentlicht wurden. Ende 2008 verließ er eBay, um sein eigenes Start-Up zu gründen, GeoTerrestrial, eine Service-Plattform der nächsten Generation.

Ina Steiner von AuctionBytes versuchte in einem Interview, zusammen mit Raghav Gupta herauszufinden, wo der Reiz liegt für eBay zu arbeiten, und im speziellen sich für die Suchabfolge einzusetzen. Hier Auszüge aus dem Gespräch:

AuctionBytes: Ragahv, Sie haben an einem der wichtigsten Projekte von eBay, der Technologie der Suchabfolge gearbeitet, können Sie uns kurz die große Bedeutung der Such-Features für Seiten wie eBay nahebringen?

Raghav Gupta: Wenn eine Seite nur Festpreis-Artikel im Katalog-Format anbietet, oder einige tausend der gleichen Produkte offeriert, dann ist die Suchreihenfolge fast zu negieren und trivial. Sobald frei strukturierte Artikel-Einstellungen oder das Auktions-Format hinzukommt, dann sieht das Bild schon wieder ganz anders aus. Dann muss die Präsentation und die Durchführung anders gestaltet werden, zumal es sich ja unter Umständen um eine Millionen-Anzahl von Produkten handelt, die jede Sekunde neu auf der Webseite erscheinen.

AuctionBytes: Hatten Sie bei eBay freie Hand, oder war es mehr so, dass es ein komplett durchstrukturiertes Unterfangen war?

Raghav Gupta: Ende des Jahres 2002, als ich als Ingenieur zu eBay stieß, war es, was die „kreative Freiheit“ betraf, mit dem Gulag (Wikipedia: Synonym für ein umfassendes Repressionssystem in der Sowjetunion, bestehend aus Zwangsarbeitslagern, Straflagern, Gefängnissen und Verbannungsorten) gleichzusetzen, will heißen von oben wurde diktiert was zu tun ist. In der Zwischenzeit hat sich da aber einiges getan. Viele gute Neuerungen wurden eingeführt, wie Vorführungen von Prototypen oder aber auch Wettbewerbe innerhalb der Abteilung. Allerdings bis dann tatsächlich die getane Arbeit gebilligt wird und durchgeführt werden kann, dauert es sehr lange und wenige sind im Stande so lange auszuharren. Ich persönlich hatte relativ viel Handlungsfreiheit um meine Forschungsideen zu verfolgen, vor allem seit dem Jahr 2005, als ich das zusammenhängende Such-Feature „baute“.

AuctionBytes: Wenn man sich Ihre Veröffentlichungen anschaut, dann erscheinen Sie mir zum Teil als Wissenschaftler, zum anderen jedoch als Philosoph. Sie schrieben zum Beispiel einmal: „Nur eine tiefere Beobachtung bringt zu Tage, dass hinter jedem Stück an Dateninformation oder hinter jedem Klick ein menschliches Wesen steht, der bei eBay seinen Lebensunterhalt verdient.“ Wie wichtig ist für Sie als Techniker der Mensch, der später Ihre Tools benutzen wird?

Raghav Gupta: Die Definition eines Wissenschaftlers, Forschers oder Tüftlers ist so weit gefächert, dass man auch das Gebiet, auf dem man Dinge entwickelt, betrachten muss. Jemand der sich mit Waffen beschäftigt, hat wahrscheinlich weniger Berührungspunkte mit dem Mensch als ein medizinischer Wissenschaftler. Schlussendlich ist aber ein von einem Unternehmen bezahlter Forscher nichts anderes als ein normaler Angestellter. Und jeder Angestellte kann der Richtung, die der Arbeitgeber vorgibt, zustimmen oder diese ablehnen.

AuctionBytes: Konnten Sie immer vorhersehen, wie die Nutzer Ihr Tool handhaben oder haben Sie auch schon festgestellt, dass es in einer Art angewandt wurde, die Sie sich niemals ausgemalt haben?

Raghav Gupta: Niemand kann jemals alle Möglichkeiten voraussehen, wie Dinge eingesetzt werden, auch ich kann das nicht.

AuctionBytes: Sie führten die „Relevanz Suche“ bei eBay ein und bauten diese auf einem Prototypen auf, den Sie entwickelten. Können Sie erklären, wie wichtig diese Relevanz-Suche auf dem Online-Marktplatz eBay ist?

Raghav Gupta: Ich kann nicht sagen, welche Bedeutung sie auf eBay hat, aber ich kann vielleicht erklären, wofür die „Relevanz“ in einem Suchzusammenhang steht. Ich denke, sie ist ein Maß dessen, was der individuelle Nutzer denkt, wie wichtig so ein Ergebnis ist. Denn sortieren nach Bedeutung heißt für den einen nach Preisen sortieren, für den anderen aber vielleicht nach Beliebtheit. Die Absicht einer quantitativen Suchfunktion muss sein, einem Benutzer die Werkzeuge auf eine intuitive, ordentliche Weise zur Verfügung zu stellen, sodass er sie für sich individuell einsetzen kann. Der Nutzer darf nie das Gefühl haben „oh jetzt habe ich etwas verpasst“. Zudem muss man zwischen der Web-Suche und der eBay-Suche unterscheiden. Die Web-Suche basiert auf relativ statischen Dokumenten, die mitunter abstrakte Information befördert. Der Suchmotor versucht, der wahrgenommenen Relevanz als eine Zahl näher zu kommen, weil es keine andere Wahl gibt. Wohingegen auf eBay jedes Ergebnis ziemlich viele absolute physikalische Eigenschaften wie Schließzeit oder Preis oder Verkäufer-Feed-Back usw. hat, und sich „die Relevanz“ eines Ergebnisses in diesem Fall gewaltig von Nutzer zu Nutzer ändern kann. Meiner Ansicht nach sollte man daher, die Mittel direkt den Benutzern zur Verfügung zu stellen, sodass sie im Stande sind, ihre eigene Definition der Relevanz für eine eigene Suche zu schaffen.

AuctionBytes: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach bei der momentanen „Best Match Suche“ (Suche nach den beliebtesten Artikeln) die Sortierung nach Relevanz?

Raghav Gupta: Ich denke, individuelle Nutzer sollten in die Lage versetzt werden, ihre eigenen Faktoren auszuwählen, wie sie ihre Suche filtern möchten, und es sollte ihnen nichts aufgezwungen werden. In diesem Szenario wäre es am besten, so viel Faktoren wie möglich anzubieten um eine perfekte Suchabfolge zu kreieren.

AuctionBytes: Was finden Sie an eBay gut und was machen sie derzeit richtig? Was läuft augenblicklich falsch?

Raghav Gupta: eBay ist sehr großes Unternehmen und auch ich kenne nicht alle verschiedenen Bereiche und Abteilungen und die Arbeit die dort verrichtet wird. Im Gegensatz zu der landläufigen Meinung, die seit einiger Zeit gegenüber eBay vorherrscht ist eBay voll mit hart arbeitenden Leuten, auch heute noch! Ferner versuchen dort alle ihr Bestes zu geben und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auf Ihre Frage was falsch läuft, kann und möchte ich nichts sagen, denn ich bin nicht mehr für eBay tätig und alles was ich kundtun würde, wäre vielleicht heuchlerisch und vielleicht ebenso inkorrekt.

AuctionBytes: Weshalb haben Sie eBay verlassen?

Raghav Gupta: 6 Jahre in einem Unternehmen empfinde ich als eine lange Zeit, deshalb bin ich gegangen.

AuctionBytes: Wo sehen Sie eBay in der Zukunft positioniert?

Raghav Gupta: Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen und werde auch nicht davon sprechen, was eBay besser machen könnte. Stattdessen möchte ich mich lieber mit der Commnunity befassen. Mein Denkprozess sieht folgendermaßen aus: Jeder Händler führt ein Business auf eBay – egal ob klein oder groß! Das vorrangige Ziel eines jeden Business ist Geld zu verdienen. Aus der Definition heraus hat jeder, der ein Geschäft betreibt, das Recht alles zu machen um noch mehr Geld zu verdienen, solange er nicht gegen gültiges Recht verstößt. Die gesetzliche Verantwortung, oder Verantwortlichkeit, hört allerdings hier auf. So ist das auch bei eBay. Auch eBay hat keine moralische oder gesetzliche Verpflichtung den Usern gegenüber, denn auch eBay will Geschäfte machen. Und solange die Aktionäre zufrieden sind, muss eBay auch nicht viel ändern. Ich weiß, dass dieses niederschmetternd und frustrierend klingt, aber das ist der Lauf der Dinge und vielleicht auch der grundsätzliche Fehler beim Aufbau eines lebensunterhalt-stützenden Unternehmens, das von anderen für seine wirkliche Existenz abhängig ist. Die positive Seite? Der Erfolg von eBays Geschäftsmodell war und ist diese große eng verbundene Gemeinschaft. Lassen Sie mich auch etwas wiederholen, was die meisten von Ihnen bereits wissen. Der Reichtum von eBay ist im Laufe der Jahre aus den Taschen der Gemeinschaft gekommen. Das Gehalt für die ganzen Angestellten, die CEOs, die Ingenieure, die Anzeige-Kampagnen, die Regierungslobbyisten die Server-Hardware, die Kosten, die Datenzentren zu führen, all das kommt von den eBay-Usern. Es zeigt, was für eine große und großartige Communitiy hinter eBay steht. Doch wie kommt es, dass alle jetzt so schnell aufgeben, sie zahlen – also sollten sie auch versuchen Dinge zu verändern, oder Alternativen aufzubauen. Warum ständig mit dem System mit dem man unzufrieden ist kämpfen? User sollten eine neue Kurs-Steuerung aufnehmen und endlich mal wieder handeln.

Raghav Gupta, ehemaliger Entwickler bei eBay, im Gespräch mit Ina Steiner was last modified: by

Ellen Schmitt-Fleckenstein, Holzkirchen

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Kategorien: Onlinehandel allgemein

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