Erstes diagnostisches Handbuch zur Online-Sucht

Nachdem sich viele Wissenschaftler schon intensiv mit der Internet-Sucht als Krankheit befasst haben, ziehen nun die Chinesen nach. Online-Sucht ist genauso wie andere Suchterkrankungen auch eine klinische Funktionsstörung und nicht nur eine schlechte Angewohnheit. So definieren Pekinger Psychologen die Krankheit in einem jüngst veröffentlichten „Diagnostischen Handbuch zur Internetsucht“ (IAD). Gemäß den Pekinger Experten weisen Betroffene 2 Hauptsymptome auf: Sie sind mehr als 6 Stunden täglich online und das, anstatt zu lernen oder zu arbeiten und sie sind besonders gereizt, wenn es gerade keine Möglichkeit gibt, das Internet zu nutzen.

Sollte das „Diagnostische Handbuch zur Internetsucht“ vom chinesischen Gesundheitsministerium offiziell anerkannt werden, so wäre China die erste Nation weltweit, in der Online-Sucht eine offizielle Anerkennung erfahren würde. Laut dem Suchtexperten Tao hat China auf dem Gebiet der Internet-Sucht größere Probleme als die westlichen Länder. Der „Ständige Ausschusses des Nationalen Volkskongresses“ hat Zahlen bekanntgegeben, nach denen mittlerweile etwa 10% der 40 Millionen minderjährigen Internet-User in  China süchtig nach dem Medium Computer sind. Tao, der im Militärkrankenhaus in Peking arbeitet, hat dort seit dem Jahr 2005 über 3.000 Internet-Süchtige behandelt. Er ist der Meinung, dass die Krankheit heilbar ist, da bis zu 80% der 3.000 Betroffenen es geschafft haben, sich nach 3 bis 6 Monaten Behandlung von der Krankheit zu befreien. Tao erklärt:„Die Behandlung ist dabei ähnlich zu der anderer Suchtkrankheiten. Die Patienten werden mit anschließender psychologischer Beratung vom Internet abgegrenzt und ergänzend durch Gruppenaktivitäten für die reale Welt sozialisiert.“

Psychologen und Psychiater, auch in Deutschland, fordern bereits seit langem, dass auch Computer- und Onlinesucht in die amtlichen Klassifizierungssysteme psychischer Störungen aufgenommen werden. Gabriele Farke, Onlinesucht-Beraterin und Initiatorin des Selbsthilfe-Portals Onlinesucht.de, kritisiert im Gespräch mit pressetext: „Die fehlende Anerkennung führt dazu, dass derartige Probleme von den Angehörigen oft einfach unter den Tisch gekehrt werden und eine kostenlose Betreuung von Betroffenen unmöglich ist.“ In Deutschland wird der Ernst der Problematik inzwischen zunehmend erkannt, was Anfang April eine Anhörung im Deutschen Bundestag zum Thema bewiesen hat. „Die Anhörung war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung und ein deutliches Zeichen für die Öffentlichkeit. Die Mühlen der Politik mahlen, aber bekanntermaßen sehr langsam“, stellt Farke fest.

Gabriele Farke, die sich auch in der Praxis mit Internet-Süchtigen befasst erklärt: „Die Wissenschaft definiert einen Onlinesüchtigen als jemanden, der 35 Stunden pro Woche oder mehr im Internet verbringt. In der Praxis sieht dies allerdings anders aus. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass das soziale Umfeld in diesem Zusammenhang ausschlaggebend ist.“ Farke orientiert sich nicht nur an den täglichen Zeiten, die Internet-Süchtige am Computer verbringen, sondern auch an dem Faktum, dass Betroffene ebenso die sozialen Kontakte vernachlässigen und in weiterer Folge auch verlieren. Dieses passiert immer dann, wenn das alltägliche Leben dem Internetkonsum angepasst wird und nicht umgekehrt.

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